Ita Wegman Archiv: Besuch

Das 1924 errichtete Holzhaus, das im Garten der Ita Wegman Klinik steht, beherbergt in seinem Erdgeschoß das Ita Wegman Archiv.

Das Ita Wegman Archiv ist nach Voranmeldung öffentlich zugänglich und empfängt viele Besucher. Es ist zudem ein Ort der wissenschaftlichen und biografischen Recherche. Die Korrespondenzen und Sammlungen enthalten Material im Hinblick auf die verschiedensten Fragestellungen und tragen dazu bei, Grundlagen und Entwicklungen der anthroposophischen und der anthroposophisch-medizinischen Bewegung herauszuarbeiten. Dies bezeugen eine Reihe von Veröffentlichungen, vor allem die Schriftenreihe des Ita Wegman Archivs.

Ita Wegman Archiv: Archivalien

Der schriftliche Nachlaß Ita Wegmans, soweit er sich im Klinisch- Therapeutischen Institut in Arlesheim und in der Casa Andrea Christoforo in Ascona erhalten hat, wird hier gesammelt, gesichtet, geordnet, gelesen und zugänglich gemacht. Es handelt sich vor allem um Schriftliches, doch zu einem kleineren Teil auch um Bildgut. Die schriftlichen Sammlungen enthalten ungefähr 140 Notizbücher Ita Wegmans – sehr häufig mit Vorarbeiten für Vorträge oder mit, teilweise fragmentarischen, Notizen gefüllt. Besonders eindrücklich sind u.a. Konzepte und Entwürfe zu Gedenkansprachen über Rudolf Steiner, die mit ihren Überarbeitungsspuren und Korrekturen sichtbar machen, wie vielfach Ita Wegman jede Aussage durchdacht, wie sorgfältig und genau sie jedes Wort gesetzt hat.

Weiterhin besitzt das Archiv viele handschriftliche und maschinenschriftliche Manuskripte und Ausarbeitungen von Ita Wegman, Aufsätze, die teilweise in der „Natura“ gedruckt, Vorträge und Ansprachen, die zu bestimmten Anlässen gehalten worden sind. Es sind sowohl vollständige Manuskripte wie oft auch nur einzelne Blätter oder auch Zettel.

Den größten Umfang hat die erhaltene Briefkorrespondenz, die Emanuel Zeylmans auf ca. 60’000 Briefe geschätzt hat – 40’000 Briefe, die an Dr. Ita Wegman nach Arlesheim geschrieben wurden und 20’000, die sie oder auch eine oder einer ihrer Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter geschrieben haben. Sie dokumentieren Leben und Entwicklungen am Klinisch-Therapeutischen Institut, die Entfaltung der anthroposophischen Medizin, die Entwicklung der anthroposophischen Medikamentenherstellung, den Einsatz für Patienten, den Kampf um die Finanzen, die Fülle der wissenschaftlichen Bestrebungen, die Mitarbeitersorgen und –freuden, die auf unablässige Fort- und Weiterbildung der Mitarbeitenden angelegten Veranstaltungen und Tagungen, die Feste, die Reisen …

Diese Briefe geben nicht nur ein komplexes und lebendiges Bild der von Ita Wegman geschaffenen, geführten oder betreuten Institute, sondern vermitteln eine Ahnung von ihr selbst. Ihr Schreibstil ist unverkennbar. Liest man ihre Briefe, so erhält man einen Eindruck von ihrer Wesensart: ihr Schreiben ist ein Sprechen, das sich ganz unmittelbar an denjenigen Menschen richtet, dem sie schreibt. Sie schreibt direkt, sachbezogen, geistbezogen, mit großer Herzlichkeit und Wärme, ohne die geringste Sentimentalität.

So wie sich zwischen Menschen dann und wann „Wahlverwandtschaften“ herausbilden, so, scheint mir, ist die deutsche Sprache zu Ita Wegmans „Wahlsprache“ geworden oder sie hat sie dazu gemacht. Wenn sie in früheren Jahren die Briefe holländischer Freunde und Gönner noch holländisch beantwortet hat, so antwortet sie von einer bestimmten Zeit an ausschließlich in ihrer deutschen Wahlsprache.

Zum Nachlaß gehören nicht zuletzt auch die originalen Krankengeschichten aus dem Klinisch- Therapeutischen Institut, große Karteikarten, auf denen, überwiegend in der zarten Handschrift Hilma Walters, die Befunde, die therapeutischen Schritte, die Gaben der Medikamente usf. festgehalten sind.

Auch einige Dinge aus Ita Wegmans Besitz finden sich im Holzhaus – so ihr Schreibtischstuhl z.B., der – wie ein Foto aus der Zürcher Studienzeit zeigt – sie seit damals begleitet hat, oder wenige Scherben von den Fenstern des ersten Goetheanum, oder ein schwarzes Ledertäschchen, in dem sie die ihr von Rudolf Steiner gegebenen Mantren immer mit sich führte, und anderes mehr.

Das Archiv besitzt aber auch „Bildgut“, wenn auch in bescheidenem Umfang, z.B. eine aus Ascona gesendete, bislang noch ganz unbearbeitete Sammlung von Kunstdrucken und Fotografien von Kunstwerken, die auf Kartons aufgeklebt und nach Themen oder Motiven geordnet sind: Mysterienstätten, Heilige, Maria mit dem Kind, Szenen aus dem Leben Christi… Ita Wegman hat diese Abbildungen wohl Vorträgen in Ascona zugrundegelegt und die Zuhörenden durch Beispiele aus der Kunst an spirituelle Inhalte herangeführt.
Überhaupt scheint Ita Wegman die Freunde, die Menschen in ihrer Umgebung kontinuierlich angeregt zu haben, Gemälde, Plastiken, Architektur mit offenen Augen zu betrachten und über das ästhetische Wohlgefallen hinaus zu erleben und „lesen“ zu lernen. Unzählige Kunstpostkarten, beschrieben mit Grüßen und Reiseerlebnissen oder unbeschrieben, sind bei ihr eingetroffen und in systematisch angelegten Alben aufbewahrt worden. Wollte man in Arlesheim wissen oder zeigen, wie beispielsweise bestimmte römische Kirchen, griechische Tempel oder irische Radkreuze aussehen, so konnte man zu einem solchen Album greifen… Einige wenige dieser Alben haben sich erhalten und sind in unseren Beständen. Sie sind in sich nicht besonders bemerkenswert. Doch wer selber einmal versucht hat, auch nur eine kleine Sammlung von Kunstdrucken anzulegen, kommt ins Staunen über die Spannweite und Effizienz.

Auch Fotografien haben wir viele vorgefunden, bekannte und unbekannte. Mit der Hilfe zweier freiwilliger Mitarbeiterinnen sind wir dabei, wenn es die Zeit erlaubt, die Schachteln und Umschläge aufzulösen, die Aufnahmen zu ordnen, möglichst Zeit und Ort zu bestimmen usf. Das ist ein langwieriger Prozeß. Wenn er bewältigt ist, werden unsere Fotosammlungen einiges Schöne zum Bild Ita Wegmans und vor allem zu ihrer so ungemein vielfältigen vita activa beitragen können.

Ita Wegman Archiv  unterhält mehrere Nachlässe von wegweisenden Mitarbeitern Rudolf Steiners und Ita Wegmans, insbesondere im Bereich der Medizin, Heilpädagogik, Pädagogik und allgemeinen Anthroposophie, unter anderem die Nachlässe von Hilma Walter, Willem Zeylmans van Emmichoven und Karl Schubert.

Entstehung des Ita Wegman Archivs

  • Ab 1990: Emanuel Zeylmans van Emmichoven erschloss für seine dreibändige Biografie Wer war Ita Wegman? zahlreiche Quellen zu Ita Wegmans Leben und Wirken. Die Dokumente waren damals auf verschiedene Orte verteilt, unter anderem auf Arlesheim, Ascona und Deventer.
  • Ende der 1990er-Jahre: Weitere Forschungs- und Publikationsvorhaben zeigten zunehmend die Notwendigkeit, den verstreuten Nachlass zusammenzuführen, zu ordnen und dauerhaft zugänglich zu machen. Auf Initiative Emanuel Zeylmans van Emmichovens übergab die Ita-Wegman-Nachlassverwaltung – Gabriele und Anton Gerretsen sowie Gudrune Wolff-Hoffmann – zentrale Teile des Nachlasses der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Basel zur Aufbewahrung.
  • 2001: Peter Selg entwickelte in Gesprächen mit der Ita-Wegman-Nachlassverwaltung und der Leitung der Ita Wegman Klinik die Idee eines Archivs in Arlesheim. Mit Unterstützung der Klinikleitung sowie auf erneute Initiative von Cordula und Emanuel Zeylmans van Emmichoven wurde beschlossen, im Holzhaus der Klinik ein Ita Wegman Archiv einzurichten.
  • Winter 2002/2003: Die Ita Wegman Klinik ließ das historische Zimmer, in dem Ita Wegman einst gearbeitet hatte, renovieren und als Archivraum herrichten. Ende Januar und Anfang Februar 2003 wurden die ersten Bestände nach Arlesheim überführt. Gunhild Pörksen übernahm die Neuordnung, Sicherung und Erfassung der Materialien.
  • 22. Februar 2003: An Ita Wegmans Geburtstag fand eine erste Besichtigung des neu eingerichteten Archivs für Mitarbeitende und Freunde statt. Die offizielle Eröffnungsfeier folgte am 14. April 2003 im Beisein von Michaela Glöckler, Emanuel und Cordula Zeylmans van Emmichoven, Friedmut Kröner und zahlreichen weiteren Wegbegleitern.

Die Entstehung des Archivs wurde außerdem von der Medizinischen Sektion am Goetheanum, der Ita Wegman Klinik sowie zahlreichen Mitarbeitenden und Freunden unterstützt. Das Archiv bewahrt und erschließt den Nachlass Ita Wegmans und weitere mit ihrem Lebenswerk verbundene Bestände. Es stellt diese Quellen für Forschung, Publikationen und die interessierte Öffentlichkeit zur Verfügung.

Quelle: Peter Selg, „Über den Aufbau des Ita Wegman Archivs“, in: Ita Wegman Archiv. Jahresheft 2003, S. 3–12.